14 Tage Quarantäne-Hölle

An unsere Interimsnormalität, die Halbfreiheit, haben wir uns fast schon gewöhnt. Wie schlimm können also zwei Wochen in richtiger Quarantäne sein? Die Antwort ist: mehr als schlimm.


Kein Plan von nichts

Geil, denkt Lucy. Endlich mal chillen. Mensch sein mit Dauerhandbremse fällt nicht leicht, aber es ist eben auch nicht unmöglich. Ab und zu ein Spaziergang oder eine Bloody Mary mit Freunden, das macht das Leben lebenswert für junge Menschen in der Pandemie. Als Hiob an jenem Sonntag bereits in ihren WhatsApp Nachrichten wütet, befindet Lucy sich noch im Tiefschlaf. Schließlich ist es ja Sonntag und sonntags entspannt man sich mal, dazu braucht es auch keinen Lockdown oder Job, das ist einfach so, das ist der letzte Rest Normalität, der Anstandshappen quasi, den das letzte Jahr mit all seinen Konsequenzen uns vom Teller der Freiheit und des süßen Lebens gelassen hat.


Dann wacht sie auf, das Telefon klingelt, die erste Stimme, die sie an diesem Sonntag hören soll, ist die des gut gelaunten Herrn K. vom Gesundheitsamt. Sie hätte eine verseuchte Freundin und müsse jetzt 14 Tage zu Hause bleiben, mentale Einzelhaft, offener Vollzug mit der Fessel der Verantwortung, testen zählt nicht.


Naivität und Dankbarkeit

14 Tage allein zu Haus. Nervig, aber eine Abwechslung zu den immer gleichen Gesichtern, nämlich gar keine Gesichter. Werde ich sie überhaupt bekommen, die Seuche? Bestimmt. Wie im ersten Lockdown nimmt Lucy sich erstmal Dinge vor. Einem zweiwöchigen Zwangsaufenthalt in den eigenen vier Wänden sollte man in jedem Fall ein paar To-do’s entgegensetzen. Es handelt sich natürlich nicht um normale To-do’s, sondern um spirituelle To-do’s, vor allem um solche, die der drohenden Übellaunigkeit vorbeugen sollen. Und weil Lucy clever ist, beschließt sie, sich ab sofort dem Thema Dankbarkeit zu widmen. Fuck the System. Das erfordert natürlich ein hochwertiges Journal, jeden Morgen wird Lucy 10 Dinge aufschreiben, für die sie dankbar ist. Außerdem benötigt sie einen Stein, am Besten aus der Natur, in ihrem Fall aber von Amazon, bei dem sie sich vor dem Schlafengehen nochmal persönlich bedanken kann. Sie ist generell sehr dankbar für alles, was sie so hat und auch die Quarantäne wird für irgendetwas gut sein und das Wetter soll ohnehin wieder schlechter werden, wer möchte da überhaupt raus. Sie sollte das alles als Retreat sehen, denkt Lucy an Quarantänetag 1.


Die Hass Phase

An Quarantänetag 3 startet die Hass-Phase. Mit jedem Stichpunkt Dankbarkeit potenziert sich die Wut gegen alles und jeden, wobei sie alles und jeden ja nicht mal sehen kann in ihrer trostlosen Isolation, also hasst sie irgendetwas Unsichtbares und irgendwann einfach sich selbst. Lucy sitzt da und möchte nicht mal lesen, schreiben oder gucken. Ihr ist schrecklich langweilig, noch viel langweiliger, als sie es sich jemals hätte vorstellen können und auch jede ihr noch mögliche Aktivität erscheint ihr zu langweilig, um ihre Langeweile damit zu bekämpfen. Das Netflix ta-dum empfindet sie als Stichelei, irgendwer hat sich dieses Geräusch ausgedacht, um Menschen wie sie zu provozieren. Sie könnte das jetzt recherchieren, aber dafür hat sie trotz Langeweile dann doch keine Zeit. Lucy sehnt sich nach realen Menschen, nach Berührung, nicht nur mit dem Telefon. Der Regen macht es nicht besser, sondern schlimmer, sie nimmt das Grau, das sie sieht, voll und ganz in sich auf, fühlt es, verbindet sich damit, ihre Welt ist jetzt grau in grau.



Resignation

Dann, wann weiß sie auch nicht, Raum und Zeit sind jetzt anders als vorher, setzt Resignation ein. Eigentlich möchte Lucy niemanden mehr sehen und auch nicht sprechen, schon gar nicht telefonieren, wenn überhaupt ein bisschen auf WhatsApp schreiben. Ihre Bildschirmzeit liegt jetzt bei durchschnittlich mindestens 24 Stunden. Die Laune hat sich neutralisiert, so schnell findet sich der Mensch mit seinem Schicksal ab, zumindest Lucy. Tag für Tag versucht sie das Beste für sich rauszuholen, irgendwie auch so ein Millennial Ding, nur mit der Dankbarkeit hat sie es aufgegeben. Lucy will zwar nicht in Quarantäne sein, aber sie will auch nicht nicht in Quarantäne sein. Freiheit, die ja eigentlich nur eine Halbfreiheit ist, klingt genauso unbefriedigend wie Unfreiheit. Sie schwankt zwischen dem Genuss der absoluten Sicherheit, die sie nur zu Hause hat, der Sesshaftigkeit, die sie vorher arrogant ablehnte und der Panik, das Leben könne an ihr vorbeiziehen, ohne dass sie darauf Einfluss nimmt. Langsam wird klar, dass wahrscheinlich keine Symptome mehr auftreten werden und auch alle Tests sind negativ, die ja nicht zählen.


Verwirrung

Bald ist es vorbei. In der zweiten Woche nimmt Lucy Kontakt zur Außenwelt auf, also zu Menschen, die ihr Schicksal nicht teilen, denn mit diesen wurde ja täglich konferiert, gemeinsam einsam. So langsam findet sie sich also mit der Vorstellung ab, bald wieder raus zu müssen und ja, sie freut sich fast ein bisschen. Deshalb macht Lucy fleißig Termine, von denen sie weiß, dass sie bestimmt keine Lust haben wird sie wahrzunehmen, vor allem solche zu ganz unchristlichen Uhrzeiten, vereinbart in der Utopie, den Tag danach wirklich mal zu nutzen. Sie hat es bitternötig, denn den ersten Ansturm auf schöne Haare hat sie verpasst und ihre Hautfarbe lässt sich auf einer Skala von blass bis fahl bei durchsichtig einordnen. Obwohl sie schlussendlich nicht krank wurde, sieht sie jetzt zumindest so aus und auch die Nerven haben etwas gelitten.


Die soziale Wiedergeburt

Und dann ist es endlich soweit. Ganz unspektakulär und ohne Abschiedsanruf vom gut gelaunten Herrn K. vom Gesundheitsamt verlässt Lucy das erste Mal ihr eigentlich ganz gemütliches Gefängnis. Es fühlt sich ganz gut an, aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude und trifft auch auf das Gefühl von Fortbewegung zu. Den ersten Ausflug unternimmt Lucy in den Supermarkt, mit einer Euphorie wie im ersten Lockdown, dann möchte sie endlich Menschen sehen, ihr soziales Comeback feiern, nach diesen ewigen zwei Wochen. Doch so richtig interessiert das niemanden, denn seien wir ehrlich, zwei Wochen ohne Lucy, das ist ja kaum jemandem aufgefallen, zwischen Unfreiheit und Halbfreiheit steht eben nicht viel mehr als ein Friseurbesuch. Am kommenden Tag wird Lucy ihr Dankbarkeitsjournal aufschlagen, um nur einen einzigen Stichpunkt hineinzuschreiben: Danke für nichts.


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