Der Letzte Tag

Loslassen. Du hast Dich endlich für den richtigen Weg entschieden und doch fällt es schwer. Ungewissheit, Zukunftsängste und die fehlende Zugehörigkeit versetzen Dich in einen Zustand, den Du so gar nicht kennst. Auf einmal bist Du wach. Was jetzt?



Der letzte Tag ist der schlimmste, alle Emotionen versammeln sich hier, von den meisten wusstest Du gar nicht, dass Du sie hast. Trauer, Angst, Freude, Aufbruch, Hoffnung, Schmerz. Ein letztes Mal erscheint doch alles so einfach, so viel besser als sonst. Du schaust Dich noch einmal um, möchtest Du auf das alles wirklich verzichten? Du hast Schluss gemacht. Nicht mit Deiner Freundin, sondern mit Deinem Job. Es scheint jedoch, als führten Millennials mit diesem die ernstere Beziehung.


Reset, alles auf Null. Wir fangen von vorne an. Dabei machen wir eigentlich nur da weiter, wo wir woanders aufgehört haben. Mit mehr Erfahrung. “Diesmal muss es der Richtige sein.” Wir haben hohe Erwartungen an unseren Job, “denn dort verbringst Du ja Dein halbes Leben”. Entscheiden wir uns endlich für einen, sind wir ganz beflügelt, euphorisch und motiviert. Alles ist neu. Ständig müssen wir darüber reden, unser Glück und die vielen neuen Erfahrungen teilen. Unser Umfeld kann Sätze, die mit “also bei uns…” beginnen, bald schon nicht mehr hören. Das ist uns egal, die rosarote Brille sitzt stabil. Noch.


Denn irgendwann merken wir, dass auch hier nicht alles perfekt läuft. Die Anfangseuphorie schwächt ab, so richtig viel Mühe gibt man sich schnell nicht mehr. Spätestens aber wenn sich der erste Konflikt anbahnt, verlässt unsere Motivation ihren Peak. Die Brillengläser splittern jetzt, zum Vorschein kommt wie immer die Realität. Und die ist nicht immer rosa, sondern auch mal scheiße. Ja, wir sind wieder darauf reingefallen, auf unsere Illusion von einer perfekten Welt. Das Unbekannte lockt uns, wir tauchen tiefer ein, und schon hat es seinen Reiz verloren. 


Wir beginnen zu hinterfragen und nicht alle Antworten gefallen uns. “Ist das normal?” Normal machen wir jetzt daran aus, was wir rechts und links sehen. Folgten wir vor nicht allzu langer Zeit noch unserer Bestimmung, werden schnell die Erfolge anderer zum Maßstab. Wir schauen uns um. Hätten wir doch etwas Besseres haben können? Wenn wir den Fehler erst mal gefunden haben, geht es voll rein in die Abwärtsspirale und richtig schlimm wird es, wenn wir unseren Unmut teilen.


In der ersten Krise gehen, das wollen wir auch nicht. Wir spielen mit dem Gedanken, schieben ihn immer wieder auf. Zu viel hält uns noch dort. Schließlich ist ja nichts passiert, es könnte eine “Phase” sein. Oder wird es jetzt für immer so bleiben? Wir müssen uns entscheiden, kämpfen oder aufgeben. Haben wir auch Fehler gemacht? Alles über den Haufen werfen ohne handfeste Alternative? Zurück kann man ja dann in der Regel nicht mehr, wird nie wieder das erleben, woran man sich so gerne erinnert. Ein bisschen halten wir noch durch, dann gehen wir. Reset, alles auf Null.


Wieder sind wir ein bisschen schlauer, hatten ein bisschen mehr Impact und wurden ein bisschen besser bezahlt. Woran hat es diesmal gelegen? Wir wollen alles sofort, das volle Programm und wenn man uns nicht schnell genug entgegenkommt, drehen wir uns weg. Wir möchten Teil von etwas sein und dabei möglichst unabhängig bleiben, etwas Gutes tun, aber mit spannenden Aufgaben, fühlen uns einzigartig, während wir andere als Maßstab nutzen. Länger als zwei Jahre hält es deshalb kaum ein Millennial in seinem Job aus, ständig auf der Suche nach neuen Illusionen und auf der Flucht vor Diskrepanz.


Jetzt gibt es keine Routine mehr, keinen Anker, keine Grenzen. Du stehst da und vermisst den Halt, von dem Du Dich doch so eingeengt gefühlt hast. Wer ist jetzt für mich verantwortlich? Wer kümmert sich um mich? Wer sagt mir, was ich tun soll? Mit Freiheit umzugehen ist nicht einfach.


Der letzte Tag ist der schlimmste, alle Emotionen versammeln sich hier, von den meisten wusstest Du gar nicht, dass Du sie hast. Trauer, Angst, Freude, Aufbruch, Hoffnung, Schmerz. Ein letztes Mal erscheint doch alles so einfach, so viel besser als sonst. Du schaust Dich noch einmal um, möchtest Du auf das alles wirklich verzichten? Erste Zweifel kommen auf, aus Aufbruchsstimmung wird Angst. Wenn Du Dich von Deinem Job trennst, machst Du Schluss. Auch in einer Beziehung weißt Du, dass Du das Richtige tust und trotzdem tut es irgendwie weh.


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