Was vom Virus übrig blieb

Der Großteil aller Corona-bedingten Ausgangsbeschränkungen ist aufgehoben. Die Straßen sind voll, Berlin wurde wachgeküsst. Aber sind wir verantwortungsvoll?

Kiss, Kiss, Bang, Bang könnte man das nennen, was gerade auf den Straßen von Berlin passiert. Nach den Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen meinten junge Menschen an Sozialphobie zu leiden, Restaurants und Co. wollte man erstmal meiden. Das änderte sich abrupt. Während man in der Schlüterstraße die alte Ordnung wieder vollständig hergestellt hatte (nicht ohne Reservierung), sitzt man in Mitte noch um 3 Uhr morgens auf der Straße. Weiter in Richtung Mauerpark müssen die Tische sogar in die Einfahrten rücken, weil die Kneipen aus alles Nähten platzen. Von Angst und Bedrückung keine Spur mehr. Auch diejenigen, die von Anfang an mit Desinfektionsmittel in der Handtasche rumliefen, sieht man jetzt zu einer festen Umarmung ausholen.


Kein Wunder, dass Prof. Drosten, anfangs als Viren-Messias gefeiert -kürzlich öfter als Pessimist beschimpft- bei diesen Bildern für den Herbst schwarz sieht. Vor den Fernsehern sitzt ohnehin niemand mehr, zu kostbar sind die schönen Tage im Freien. Und auch der vollgesabberte, 4-Wochen alte Mundschutz bleibt immer öfter in der Tasche.


Corona ist nicht mehr präsent, die Party muss weitergehen. Der Mensch ist sozial und gewöhnt sich schnell, zuerst an die Beschränkungen und jetzt an die wiedergewonnene Freiheit. Ein zweiter Shutdown dürfte schwierig werden. Prognosen und Besorgnis der Kanzlerin werden womöglich nicht ausreichen um die Herde wieder einzufangen. Hoffen wir, dass unser Leichtsinn nicht bestraft wird, keine so drastischen Maßnahmen erforderlich sind oder eben erst dann, wenn wir genug schöne Momente für den mittlerweile nur noch grauen Winter eingefangen haben.