Zu Gast im eigenen Leben

Wer bin ich und wer will ich sein? Wir erschaffen unsere eigene Zwangsjacke, nähren sie bis sie so eng ist, dass wir nicht mehr atmen können. Wir haben Angst und begeben uns auf die Suche nach einem Ausweg.



Lucy wacht auf. Sie ringt nach Luft, ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Hat sie vergessen zu atmen? Panik überkommt sie, das Herz rast. Sie hat Angst. Wovor? Ihr Leben zieht an ihr vorbei, sie kann es nicht greifen, fühlt sich wie ein stiller Beobachter. Sie ist ohnmächtig bei Bewusstsein, fühlt sich handlungsunfähig, obwohl sie so viel tut. Sie hat Schmerzen, weiß aber nicht wo, irgendwie ist ja doch alles taub.


Lucy hangelt sich von Tag zu Tag, von To Do zu To Do. Ob sie oder jemand anderes ihre Listen schreibt, macht eigentlich keinen Unterschied. Schon seit geraumer Zeit geht es ihr nicht gut, warum kann sie nicht sagen, Beschwerden nicht definieren. Objektiv läuft ja alles super. Familie ist okay, viele Freunde, keine Geldsorgen, nicht allzu stressiger Job, netter Freund, kein Grund zur Schwermut. Lucy könnte wetten, dass viele Menschen sie beneiden. 


Irgendwo auf dem Weg hat sie die Orientierung verloren. Sie kann sich an kein Ziel erinnern. Sie steht in einem Raum ohne Wände, der ihr unendlich viele Möglichkeiten bietet und fühlt sich eingeengt. Das macht alles keinen Sinn. Zudem fühlt sie sich schlecht, weil sie sich schlecht fühlt. Zu viele Möglichkeiten: ein Luxusproblem. Lucy spielt die Hauptrolle in ihrem eigenen Film, ihr innerer Moderator begrüßt sie in der ersten Lebenskrise. 


“Wenn ich groß bin, dann …” von Kindesbeinen an freuen wir uns auf das Erwachsensein. “Später wird alles ganz toll!” Irgendwann verbinden wir später mit konkreten Ereignissen und Ende 20 hat man dann irgendwie das Gefühl, dass später jetzt eingetroffen ist. Wir können unserem Glück, unserer Erfüllung, unserem Erfolg keinen Aufschub mehr gewähren. Wir sind jetzt da und das ist für einige ganz schön schwere Kost. 


Zu oft gehen wir den Weg des geringsten Widerstandes, bewegen uns nur innerhalb unserer selbst errichteten Grenzen. Diese Grenzen sind nicht die, die uns die Gesellschaft aufzwingt. Es sind unsere eigenen Erwartungen. Wir tragen innere Konflikte aus, die auf unseren eigenen Annahmen beruhen, wenn es darum geht, vom sicheren Weg abzuweichen. Wir erschaffen unsere Grenzen selbst, wir ziehen die Zwangsjacke freiwillig an, denn nur wenn wir uns einschnüren sind wir sicher, können nicht ausbrechen, nicht einknicken. Sie macht nicht glücklich, aber sie schützt uns vor allem was Mut erfordert.


Wenn Nahtoderfahrungen im Fernsehen nachgestellt werden, tritt der Geist aus dem Körper und beobachtet das Geschehen von oben. Für viele Millennials klingt das wie eine Real Life Erfahrung. Irgendwie geht alles so schnell, man findet sich wieder als passive Kraft im eigenen Leben. Wir haben Angst, dass alles schneller wieder vorbei ist, als es angefangen hat, dass wir nicht genug Zeit haben um unsere Lifetime To Do’s abzuarbeiten. Wir wollen so gerne alles haben, aber alles passt nicht rein, das merken wir jetzt.


Wir erleben so viel, dass wir oft nicht mehr merken, was passiert. Ein Sonnenuntergang muss schon krass sein, damit wir uns ein Jahr später noch daran erinnern können. Die 100 Fotos, die wir davon gemacht haben (wie sieht eigentlich ein Sonnenuntergang auf dem Foto aus? wie ein Sonnenuntergang) schauen wir uns ohnehin nicht wieder an und wenn, dann verfälschen sie die Erinnerung. Denn Fotos sehen entweder 1000 mal besser oder 1000 mal schlechter aus als die Realität. Aber das weiß ja unser Publikum nicht.


Wir können nicht genug Sonnenuntergänge erleben, nicht genug Verabredungen treffen, nicht genug Serien schauen, nicht genug Informationen aufsaugen. Denn niemand will die Balance, alle wollen den Überfluss. Als Ausgleich zu einem sich permanent wiederholenden Alltag muss dann in den Pausen so richtig nachgeholt werden. Eine Pause ist keine Pause, viel mehr ist sie das Gegenteil von Erholung, sie ist die erzwungene Reizüberflutung. Und irgendwann wird alles zu viel und dann fühlen wir uns ausgelaugt, aus motivierten Hoffnungsträgern werden müde Steppenwölfe. 


Lucy’s Umgebung schenkt ihr die Beachtung, die sie braucht. Jedes ihrer Probleme wird definiert, eingeordnet, analysiert und vor allem ernst genommen. Lifecoaches, Energieheiler, TCM Ärzte, Heilpraktiker, Kartenleger oder auch mal die Yogalehrerin geben ihr den Raum, den sie braucht und auch mal mehr als sie bräuchte. Im Inner Circle hingegen versucht sie zu wirken als sei alles in Ordnung. Lucy weiß: Fassade ist alles. Menschen mögen Menschen, die sie hochbringen, nicht aber solche, die sie runterziehen. Man haushaltet mit seinen Energien, denn viele stehen selbst auf der Kippe. 


Glücklicherweise wird diese Phase bald vorbeigehen, denn Lucy wird an sich arbeiten. Sie wird verstehen, dass Zufriedenheit manchmal mehr wert ist, als die Vorstellung vom großen Glück, als Prestige und Zustimmung. Sie wird lernen, dass es nicht nur um den Job oder die Familie oder die Beziehung geht, sondern um alles zusammen. Aber vor allem wird sie sich für die nächste Krise eines merken: Flucht bringt genauso wenig wie Durchhalten.