Thanks for Nothing

2020 war das Befremdlichste, was dem deutschen Durchschnittsmillennial bisher passiert ist. Es ist die erste große Krise, der erste Schandfleck unserer Generation. Und auch wenn das Virus seinen Kalender nicht synchronisiert, wollen immer alle positiv bleiben. Natürlich bringt es nichts, schlechte Stimmung zu schlechter Stimmung zu machen. Fehlt es uns dennoch an Sensibilität?



Wenn Lucy gefragt wird, wofür sie im letzten Jahr dankbar war, bekommt sie schlechte Laune. Es ist nicht so, als fiele ihr nichts ein. Es sind auch gute Dinge passiert. Dennoch kann sie die ewige "think positive" Attitüde ihrer Mitmenschen nicht nachvollziehen. Natürlich hat der ein oder andere einen guten Deal gemacht, die Zeit zum Runterkommen genutzt, sich verliebt oder auf den Kanaren überwintert. Trotzdem muss man der Realität ins Auge sehen: Viele Menschen sind krank, wenn nicht körperlich, dann mental, einsam oder schlichtweg unglücklich. Angst liegt in der Luft. Und wer seinen Missmut teilt, sollte nicht auf die no-bad-vibes-policy der ewig Gutgelaunten stoßen müssen.


Gerade Menschen, die sich selbst in einer emotionalen Grauzone befinden, fühlen sich von den Sorgen und Ängsten anderer getriggert. Wenn die Person an der anderen Leitung unseren Vibe nicht trifft, beendet man das Gespräch besser schnell. Sind wir schlecht drauf, möchten wir hochgezogen werden. Sind wir gut drauf, möchten wir nicht runtergezogen werden. Gerade in einer Zeit, in der soziale Kontakte auf ein Minimum reduziert sind, ist dieser Mangel an emotionaler Toleranz schwierig. Wir haben Angst, unsere mühsam kontrollierten Emotionen zu gefährden, aber auch davor, die Geduld anderer mit unseren schlechten Gedanken zu erschöpfen. Es entsteht eine aufgeladene Stimmung mit zwanghaft positivem Beigeschmack, die am Ende des Tages alle zurücklässt, besonders aber die, die auf Zuspruch angewiesen sind, nicht auf Floskeln.


Paul sieht das anders. Ihm gehen die ewigen Pessimisten auf die Nerven. Ängste und Unsicherheit hat er durch ein konstruktives Mindset ersetzt. Das Krisenmindset. Er gehört zu denen, die die Pandemie als Chance sehen, will gemerkt haben, wer seine wahren Freunde sind und ob ihm das, was er tut, auch reicht, wenn es keine Ablenkung gibt. Zwar hält er die Regeln weitestgehend ein, von Schlagzeilen, Statistiken und Markus Lanz hält er sich aber fern. Stattdessen hangelt er sich von Mantra zu Mantra, hat das tägliche Journaling längst in seine etwas veränderte Routine integriert. Paul fragt sich nicht, was er in der Krise tun kann, sondern was die Krise für ihn tut. Paul lässt den Kopf nicht hängen, er möchte sich weiterentwickeln, das Beste für sich rausholen. Das Jahr 2021 sieht er als Neustart.


Jetzt sitzt er da und überlegt, was er sich für die kommenden Monate vornehmen könnte. Viele Dinge, die er “schon immer” mal machen wollte, wurden letztes Jahr mehr als abgehakt. Was bleibt an Vorsätzen, wenn das Fitnessstudio geschlossen und die Idee vom Dry January nicht zu ertragen ist? Paul hat sich vorgenommen, positiv und dankbar ins neue Jahr zu starten. Gedrückte Stimmung passt nicht ins Bild und schon gar nicht Menschen, die diese verursachen. Seine seelische Gesundheit ist ihm wichtig. Noch geht es ihm gut. Sein Vorsatz: stay positive.


Was Paul im kommenden Jahr umsetzen möchte, klingt für Lucy nicht nur wie eine Überschrift aus der letzten Brigitte, sondern vor allem ignorant. Während sich viele in quasi absoluter Sicherheit wiegen, hat sich die Pandemie für andere als eine Art Brandbeschleuniger erwiesen. Da, wo es ohnehin heiß war, brennt es jetzt. In jeglicher Hinsicht. Während immer wieder von Chancen gesprochen und ein positives Mindset propagiert wird, sollten wir uns zumindest darüber bewusst werden, dass dieser Luxus nicht der Normalzustand ist. Es besteht ein Recht auf Hoffnungslosigkeit, ein Recht auf Traurigkeit. Die aktuellen Umstände kennen keine Regeln, die optimale Bewältigungsstrategie existiert nicht. Überforderung haben wir gemeinsam, mehr aber auch nicht. Lucy nimmt sich vor, in diesem Jahr toleranter zu sein.