The Last Dance

Wars das jetzt? Die Clubs sind geschlossen und niemand weiß, wie lange noch. Bei vielen ist nicht mal klar, ob sie den Frühling-Sommer-Herbst-Winter-Schlaf überstehen. Das gilt allerdings auch für deren Gäste. Die Herzen der Feierwütigen schlagen momentan zu Lounge Musik, nicht mehr zu Techno. Werden sich Millennials endgültig von der Tanzfläche verabschieden?



Generation Club


Es ging immer ums Kribbeln. Als Lucy jung war, sprach man schon lange nicht mehr von Diskotheken und Disc Jockeys, sondern von Clubs und DJ’s. Waren die Eltern erst mal im Bett, fing das Leben an. Mit 16 hat Lucy bereits einige Partyerfahrung gesammelt, so ist das, wenn man in Berlin aufwächst. Selbst die konservativsten und strengsten konnten den Feierwütigen ihr Discoglück nicht lange vorenthalten. Es war eine gute Zeit.


Lucy erinnert sich, wie sie zum ersten Mal mit geliehenem Ausweis in der Clubschlange stand, Angst erfüllt und voller Vorfreude. Angst überwog, denn die Peinlichkeit am Eingang umdrehen zu müssen, den Walk of Shame an der Schlange entlang zurück, das wünscht man wirklich niemandem. Jede Stadt hatte sowas, wie das Annabelle's in Berlin. Ein nicht gerade szeniger Schuppen mit House-Musik und vermeintlich strengem Türsteher, der den Teenagern den Weg zu ihrem ersten Alkoholabsturz zumindest ein bisschen erschweren sollte. Hat man es an dem Typen, dessen Namen man heute noch erinnert, vorbei geschafft, war das Gefühl des Triumphes einzigartig. Adrenalin schoss durch den Körper, der Benny Bennassi Beat durch die Ohren, mitten ins Herz. Alles kribbelt.


Mit der Volljährigkeit wurde auch das Kribbeln weniger, “alle so jung hier”, die Techno Clubs mussten es jetzt sein, denn die waren ab 21. Es galt “die härteste Tür Berlins” zu knacken, dafür wurden einige Anstrengungen in Kauf genommen, für einen Platz auf der Gästeliste tat man viel, auch bei der Wahl des Outfits blieb man sich nicht gerade treu. Da war es wieder, das Kribbeln. Diesmal zum Techno Beat, die Tür geht auf, der Bass packt Dich, Dein Körper vibriert.


Irgendwann hat Lucy auch diese alle Clubs gesehen, mittlerweile weiß sie, was ihr gefällt und wo sie hingehört. Sie probiert nicht mehr viel aus und das ist okay. Der Spaß ist kalkuliert, sie weiß, wie sich Minimum und Maximum anfühlen müssen. Das Kribbeln kommt nur noch, wenn jemand krasses auflegt oder die Party so richtig gut ist, was ganz Besonderes in gewohntem Umfeld. Wie lange wäre das noch so weitergegangen?



Mittlerweile werden nach Mitternacht die Augen schwer. Wie angenehm, dass sie um diese Uhrzeit nicht mehr raus muss und dabei absolut nichts verpasst. Nach ein paar Drinks sieht das zwar anders aus. Nichts ist dann schöner, als die Vorstellung der Musik zu folgen, spontan, alle Möglichkeiten zu haben, jetzt, wo man schon lange nicht mehr nach dem Ausweis gefragt wird. Sich zu bewegen, all die überschüssige Energie zu teilen und sie am Ende der Nacht vollends losgeworden zu sein. In Berlin ist immer ein Club in der Nähe. Früher stellte man sich noch stundenlang an, mittlerweile zieht man einfach weiter, Optionen waren nie das Problem. Nur geht es ja gerade nicht und das kommt der eigenen Faulheit schon manchmal entgegen. Es gibt immer öfter Tage, da will man nämlich gar nicht, geht nur raus, weil alle anderen es auch tun. Aus Angst, das Leben zu verschlafen, seine besten Jahre etwas anderem zu widmen, als dem eigenen Vergnügen.


Abtanz


Ende 20 bis Mitte 30. Irgendwann dazwischen wird es ruhig. Die ersten werden ernst, verfolgen andere Ziele, als am Sonntag mit einer Party Depression aufzuwachen. Familie, Job, die Prioritäten verschieben sich. Die, die ihren Weg schon gefunden haben, die, für die das Ausgehen keinen Mehrwert mehr bietet, merken gar nichts von der sterbenden Szene. Im Gegenteil, der ein oder andere lauert wahrscheinlich schon auf zukünftig frei stehende Immobilien. Die anderen, die, die sich dem Hedonismus der Clubs noch ein, zwei Jahre hingeben wollten, die, bei denen es noch kribbelt, die haben jetzt womöglich ein Problem. Ihre Partykarriere wurde verfrüht gecancelt.


Bei Lucy kribbelt es manchmal noch. Wie lange, das weiß sie nicht. Niemand weiß es. Wenn das Kribbeln erlischt, die Prioritäten sich verschieben, dann wird sie zu Hause bleiben. Dann tanzt Lucy ein letztes Mal ab.