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middle-aged, wild and free

Es ist 4.00 Uhr morgens, Lucy durchdringt die dritte Traumebene. Reize, Eindrücke und Bilder stauen sich hinter ihren Augen wie bei einem Neugeborenen. Ihr Kopf spielt Theater. Lucy ist jetzt 30. Weil oder obwohl schläft sie gut.


Ein als Erwachsener verkleidetes Kind mit roten Haaren und augenfarbenangepasstem grünen Polo Shirt, verspiegelter Pilotenbrille im Kragen klemmend, riesiger Apple Watch über das Handgelenk ragend, außerdem: Segelschuhe, sitzt am Tisch und schneidet sein Steak. Wäre er nicht Kind, wäre er Unternehmensberater (Junior Position?) Der kleine Mensch, vermutlich 2015er Jahrgang, hat eine Zahnlücke. Selbstbewusst und auch ein bisschen kaltblütig starrt er Lucy in die Augen. Als er sein Abendessen beendet hat, springt er auf und rennt auf's Ufer zu. Vor ihm liegt das Mittelmeer. Er entdeckt ein Boot mit Bundesflagge. Entzückt und nicht ohne Stolz ruft er: Ich bin auch Deutscher!


Zwei Finger an den Kopf?


Auch er wird irgendwann 30 sein.


30 sein heißt, bereits erste Abstriche gemacht haben. Der Druck ist raus, selbstbewusstes vor sich hindümpeln, statt Selbstzweifel, oder ansichselbstverzweifeln. Es ist das Gefühl, etwas Autonomie geschenkt zu bekommen, bzw. für Ego-Menschen: sie sich erkämpft zu haben. Aber ist das überhaupt Autonomie oder ist Älterwerden nichts anderes als stetig wachsender Nihilismus (alles scheißegal), der seine Vollkommenheit im Grab erreicht?


Heißt älter werden, gleichgültiger werden? Sich schneller mit den Umständen abfinden, Träume an die Außenwelt anpassen, sie mit Alltag und Fitnessclub-Mitgliedschaften beschmutzen und sich dann selbst als Mensch mit Erfahrung sehen, der auf andere herabschaut wie Eltern es tun, weil sie Rechthaben an Alter messen?


Nein, denn wenn man young ist, glaubt man doch noch leidenschaftlich daran, etwas Großes zu erreichen, an ein nur in der Fantasie langfristig bestehen könnendes Gefühl von Erfolg, den man mit Anfang 20 überhaupt noch nicht fassen oder benennen kann, außer vielleicht Justin Biber, aber der hat ganz andere Themen.


Wenn man dann kurz nach young, kurz vor middle-aged ist (zum Beispiel 30) kommt der Nihilismus wie ein Schutzschild und rettet uns vor dem, was gerade noch möglich zu sein schien und jetzt dann utopisch und verrückt sein soll.


Die, die dabei sind, ihre Träume weitestgehend in die Realität zu übersetzen, merken, dass es sich nur gut anfühlt, wenn man immer mehr davon bekommt. Dass der Peak ein Peak ist und damit kurzweilig. Dass Träume nachwachsen. Dass man gar nicht jeden Tag stolz auf sich sein kann. Andere geben einfach nach und warten auf den Point of no Return, der Punkt, an dem es für das Große irgendwie eh zu spät ist.


Irgendwann folgt ein trotziger Voyeur — die Midlife-Crisis — und zieht die Stimmung den Bach runter, bevor eine noch exzessivere Form des Nihilismus einsetzt (end-of-middle-aged) und wir schließlich old sind und am Scheideweg stehen: Bosheit oder Altersmilde?


Nutzen wir also die einkehrende Ruhe, bis die Macken wiederkommen. They will be back. So schlimm wie in den 20ern wird es ohnehin nicht, denn bist du old, hast du Narrenfreiheit. Dann stülpen sich deine Mitmenschen die Samthandschuhe über, bemitleiden dich für deine Existenz und sympathisieren mit dir, obwohl sie dich gar nicht kennen. Stehen die Falten in deinem Gesicht auf Zeitzeuge, hast du einen Platz im Bus.


Wenn Lucy sich überlegt, wie viele Arschlöcher es auf der Welt gibt… die alle alt werden…naja. Altern ist zwar eine Kunst, aber nicht des Charakters. Und schlechten Menschen geht es bekanntlich immer gut.


Gott sagt, sei barmherzig. Selbsthilferatgeber sagen, sei nett, damit du dich selber gut fühlst (bisschen egoistisch, aber das Ergebnis zählt).


Seit 10 Jahren häufen sich die AHA-Momente. Weil man mit 30 eher checkt wie das Leben läuft? Nein. Als Teenager war Lucy sich sicher, dass ein Gedanke nur einmal neu sein kann. Dass sie sich an jeden Gedanken immer wird erinnern können. Dass sie sich an alles erinnert, was sie gesagt hat, sagt und sagen wird. Nicht abrufbereit, aber wenn der Gedanke oder das Gesagte sich wiederholen, würde sie es wissen. Heute legt sie den Telefonhörer weg und freut sich, wenn sie 20 Minuten tief in der Story merkt, dass ihr irgendwas bekannt vorkommt , nachdem sie dreimal "ah, krass" gesagt hat.


Die 30er, mit intensiven Erinnerungen und schlechten Erfahrungen aufgeladene 20er, sind ein wohlwollender Elefant im Raum, eine entspannte Basis, statt prognostiziertem Downer. Manche leben schon wie 50, andere noch wie Anfang 20, beides ist okay. Werden die Unterschiede in Zukunft größer oder die unterschiedlichen Lifestyles eingemeißelter? Gar nicht so klar alles. Aber Klarheit gibt es ja auch nicht.


Ein Finger an den Kopf? Plemplem statt PengPeng*.


*Erklärung für Boomer & GenZ: https://www.youtube.com/watch?v=fkMg_X9lHMc





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