Von FaceTime zum Bordstein zurück

Kinder im Supermarkt finden alles geil. Den Mini-Einkaufswagen, das Süßigkeitenregal, die vielen Farben, das Rascheln der Tüten, auf der Kasse sitzen, ja sogar — wenn sie nur wüssten — die Wursttheke. Ähnlich fühlt sich Lucy jetzt wo sie wieder ins Restaurant gehen kann. Denn das, was sie gerade erlebt, kennt sie nur noch vom Bildschirm: fremde Gesichter, Spaß und Konsum außerhalb der mittlerweile viel zu vertrauten eigenen vier Wände. Doch die Rückkehr ins analoge Leben wirft eine Frage auf: Sind wir noch gesellschaftsfähig?



Wir alle haben diesen einen Freund, für den man sich in der Gruppe schämt. Er kann Situationen nicht richtig einschätzen, macht genau einen Witz zu viel und schafft es immer irgendwie, sein Umfeld peinlich zu berühren. Andere sind ein bisschen zu laut, ein bisschen zu drüber, wieder andere verfallen in abschreckend einschläfernde Monologe ohne Pointe und langweilen damit den ganzen Tisch. Dann gibt es noch die, die nur auf ihr Handy starren und die, die aggressiv den Kellner anschreien. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind socially awkward.


Zum Glück sind es immer die anderen, doch das denken die anderen auch. Denn in Wahrheit hat jeder von uns eine merkwürdige Seite. Vielleicht findet sogar der, den Du socially awkward findest, Dich socially awkward. Die Phase lang anhaltender Trägheit dürfte dieser Seite nicht gerade gutgetan haben. Denn die Gesellschaftsampel schaltet gerade von asozial auf sozial und reißt uns damit auf der Überholspur aus unserem digitalen Safe Space ins analoge Leben zurück.


Essen und trinken wir also bald zwischen hysterisch lachenden Menschen, die sich jedes Mal, wenn eine Gabel runterfällt, erschrecken? Lucy ist davon überzeugt. Im Restaurant starrt sie Fremde an, möchte genau wissen, was am Nachbartisch passiert. Analog scrollt sie die Menge, ihre Augen sind langsamer geworden, sie hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Wenn sie Freunde sieht, schaut sie contra-intuitiv weg, entschuldigt sich fünf Minuten später dafür und umarmt den Rest des Abends jeden, der ihr über den Weg läuft. Im Gespräch schaltet sie ab, spätestens, wenn eine dritte Person dazukommt. Immer wieder versucht sie eine Geschichte zu erzählen, schafft es aber nicht, eloquent das Thema zu wechseln. Missverständnisse lässt sie im Raum stehen, wenn zwei aneinander vorbeireden, starrt sie verwirrt auf die Tischdecke.


Ein angenehmes Sozialverhalten kann man lernen, aber eben auch wieder verlernen. Hinzu kommt, dass auf dem Weg von einsam zu gemeinsam der diplomatische Zeitpuffer wegfällt. Denn ein großer Teil unseres Lebens fand in den letzten Monaten via Handy und Computer statt. Das heißt, wir konnten Reaktionen im Gespräch zurückhalten, überdenken, überspitzen oder herunterschlucken. Und damit perfekt steuern. Bevor die Stimme brach, ein Lachen ertönte oder die Mimik verriet, was wir wirklich dachten, standen uns verschiedene Joker zur Verfügung: auflegen, zuklappen, weglegen.


Die künstliche Stille ist jetzt vorbei. Doch auch Freiheit kann überfordern. Was geht und was nicht? Es ist, als wäre unser gesamtes Leben zu diesem befremdlichen dürfen-wir-uns-jetzt-umarmen-oder-nicht Moment geworden, zu einem unbeholfenen Zappeln. Corona hat unsere sozialen Normen komplett disrupted. Doch ob socially awkward oder socially awesome, für jeden ist Platz in „The New Normal”. Was auch immer das jetzt eigentlich ist. Also, liebe Millennials, packt das Fake-Lächeln wieder aus, schmeißt die Lounge-Wear aus dem Fenster und antidigitalisiert Euch. Ab jetzt heißt es wieder von Angesicht zu Angesicht. Lasst Momente wieder Momente sein und schwimmt Euch frei aus dem Erinnerungsbrei der letzten Monate. Seid zu viel, zu laut, zu peinlich. Ob ein Abendessen mit Freunden zu einem Abendessen mit ihren inneren Freaks wird? Vielleicht. Ob das schlimm ist?