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January Survivor

Berlin ist das Gegenteil von Cape Town, so wie Miami das Gegenteil von Paris ist. Stabilität ist gut, deshalb lautet unsere Konstante: kalt & grau. Blicke aus dem Fenster sind wie Netflix Genre Drama auf Dauerschleife gucken, nur ohne Entertainment. Der Winter ist eine Ansammlung von Nachteilen.



Lucy ghostet ihre Wohnung seit zwei Wochen, der Stapel an Verpflichtungen hindert sie am Sein. Ungeöffnete Briefe, ein voller Trockner, Pfandflaschen - Dinge, die sich idealerweise irgendwann in Luft auflösen. Nichts erdrückt sie mehr als die Administration ihres eigenen Lebens. Dreimal muss Lucy nachschauen, wie man prokrastinieren schreibt, das Verb des Drückebergers. Organisation und Verpflichtungen, das hingegen sind die Wörter eines Roboters, eine anti-hedonistische Qual für Feingeister und Genießer.


Die Witterung mehrfachverleiht dem Dry January seine Berechtigung. Keiner geht mehr feiern, alle sind in der Badewanne. 15 Minuten zu heiß, 5 Minuten angenehm, 15 Minuten zu kalt, mit Blick auf’s Klo in der eigenen Suppe „entspannen“. Ist ja wirklich mega. Nur beim Klassikradio machen sie alles richtig: Home Office im Engadin. Denn wer Sachen sagt wie „lassen Sie sich vom Winter verzaubern“, ist entweder high oder im Schnee oder beides, aber definitiv nicht in Berlin. Weniger akademikerfreundliche Sender flüstern „macht es euch gemütlich“ bevor sie eine weitere Woche Tristesse und Antarktis Flavour ankündigen.


Rausgehen macht keinen Spaß. Erstmal stundenlang dick anziehen, egal wie aufwändig der Gang vor die Tür ist ("ich glaube nicht, dass der Hund jetzt pinkeln muss"). Mützen spielen dem Winteroutfit vielleicht noch lässig in die Karten, Menschen mit Schals sehen aber aus wie unordentlich zugeklebte Pakete. Oben verpackter als unten. Die vielen Schichten verhüllen die Ausstrahlung, manipulieren die Körpersprache, anonymisieren das Stadtbild und machen die Masse noch unkenntlicher. In Cafés und Restaurants ist jetzt jeder der Elefant im Porzellanladen. Jackenhaufen und verhüllte Stühle zerstören die Ästhetik, das ausgefeilteste Interior Design bekommt unfreiwillig einen Wandertag-Flair.


Dann ist da noch die größte Winterlüge von allen: der Skiurlaub. In einer Bar teilt Lucy einem militanten Skifahrer ihre unpopuläre Meinung zum Thema Berge mit und erschüttert ihn damit bis ins Mark. Ungläubig und verständnislos lauscht er ihrem Gnadengesuch. Berge seien freiheitsberaubende Horizontblockaden, die eine lange und beschwerliche Anreise erfordern. Gegen eine weiße Wand könne sie auch zu Hause starren, kofferweise Equipment strapaziere außerdem Nerven und Rücken. Und das alles, um beim Skifahren sein Leben zu riskieren, was sie nicht so sehr störe, wie das andauernde Gefühl zu spät auf der Piste zu sein. DAS nämlich sei wirklich beklemmend. Lucy lacht, ihr Gegenüber nicht.



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