Das leuchtende Blatt
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Ich sitze das erste Mal seit langer Zeit am Schreibtisch, in meinem winzigen, in einer Baumarkt-Fälschung der Farbe „Red Earth“ von Farrow & Ball gestrichenen Arbeitszimmer, oder eher Arbeitslosenzimmer, und ich bin hungrig. Hungrig, etwas zu schreiben, das keine Liste ist, hungrig, mich aus dem Fenster zu lehnen, erst mal ein Stück und vielleicht irgendwann ganz weit, und noch hungriger, gelesen zu werden.

Das alles begann im Frühling 2020, Lockdown. Ich lag mit einem kaputten Fuß bei meiner Mum auf dem Sofa und las. Ein Buch, zwei, drei, zehn, es gab nicht viel zu tun, lesen ist schön. Es ist wie bei einer Reise, schnell kommt: Liebe oder Hass. Ich möchte hier leben oder ich komme nie wieder. Lesen ist Liebe, und deshalb gab es nach dem Buch-Exzess nur eine Option: Ich bin ab sofort Schriftstellerin, mein erster Roman quasi auf der Shortlist, nur geschrieben werden muss er noch. Treibende Kraft war dann meine Mum: „Mach doch.“ Die kurze, aber wesentliche Motivationsrede, die ich brauchte.
Ich baute meinen Blog soulstory.club – 3 minutes into a millennial’s life. Kein Roman, aber immerhin entstanden ein paar Texte von wenigen Minuten Lesezeit, nicht ständig und nicht nie, aber mit Freude und einem ganz eigenen Newsletter. Von meinen Turbo-Millennials Lucy und Paul haben sich dann auch einige abgeholt gefühlt, vor allem von der Frage, ob Selbstoptimierung die neue Selbstzerstörung ist, und fast sechs Jahre später kann ich sagen: Die Optimierten sitzen in Cape Town und ich nicht.
Das mit dem Buch, ja, das ist so eine Sache. Ich sage mal so: Es gibt Seiten. Irgendwo hat irgendjemand gesagt, dass es Menschen gibt, die schreiben, und Menschen, die erzählen, dass sie schreiben, und letztere Schublade, die kenne ich.
Und das mit dem Blog, das wurde irgendwann auch weniger, denn da war zum Beispiel die Zeit am Theater. Nichts gegen die Zeit am Theater, aber weil am Theater immer alles so unglaublich intellektuell ist, habe ich mich irgendwann überhaupt nicht mehr getraut, irgendwas zu veröffentlichen. Dort regnet es Brecht, und bei mir regnete es lange vor allem Hafermilch-Stories. Das war zu krass.
Und dann kam eine große Katastrophe. Im Oktober 2024 ist meine Mum gestorben. Danach gab es nur noch schwarzes Loch und Alltag spielen. Und es gab erst mal nichts mehr zu sagen, das nicht absolut deprimierend ist. Schreibversuche, und auf einmal steht da wieder „Liebe Mama“. Jeder Text klang wie eine nicht enden wollende Beerdigungsrede.
Und auch jetzt sitze ich in meinem Red Earth Zimmer nur wenige Meter entfernt von diesem Sofa, das dort nicht mehr steht, auf dem mein Traum vom Schriftstellerin-Sein begann. Und auch jetzt muss ich unentwegt an meine Mum denken, und das nicht nur, weil sie unentwegt unentwegt gesagt hat. Sie wollte immer aufmunternde Sachen lesen, den Rest gäb‘s schließlich en masse.
„Du kannst alles schaffen“, das hat sie auch gesagt, und irgendwann, das weiß ich jetzt, wird es einen Roman geben, auf dem mein Name steht und eine Seite weiter dann die Widmung: Für Mama. Das hat sie sich immer gewünscht. Und dass das jetzt hier an dieser Stelle schon mal gesagt wurde, das nimmt doch ein wenig den Druck raus.
Das ist sie also, meine Rückkehr in die Welt der erlebten Dinge. Manche von euch waren schon damals dabei. Falls ihr noch hier seid: Danke. Und falls ihr neu dazukommt: Willkommen.



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